Internet die gefährlichste Droge des 21. Jahrhunderts? [Teil 1]


Alkohol, Zigaretten, Kokain, Marihuana, Crack, Heroin = Drogen. Drogen, die bekannt und erforscht sind, sich teilweise einer großen Beliebtheit erfreuen und um deren Gefährlichkeit die meisten wissen. Doch wo steht in dem ganzen Sumpf von Drogen eigentlich das Internet? Internetsucht ist seit wenigen Jahren ein immer stärker werdendes Problem. Das größte Risiko der Droge Internet liegt zurzeit wohl darin, dass sie unterschätzt wird. Sowohl von den Internetnutzern selbst, als auch von offizieller Seite. Wir versuchen die entscheidenden Fakten zu nennen und die Frage zu beantworten, wie gefährlich das Internet wirklich ist.

Was ist Internetsucht?

Schon im Hinblick auf eine klare Definition, mögliche Ursachen und Symptome stoßen wir auf erste Schwierigkeiten und eine Bestätigung dafür, dass Internetsucht noch nicht ausreichend erforscht wurde. Alles ist sehr allgemein formuliert, wir wollen trotzdem versuchen, das Wichtigste zusammenzufassen:

Generell spricht man dann von Internetabhängigkeit, wenn das Internet übermäßig genutzt wird, sodass sowohl die Gesundheit als auch die Persönlichkeit des Nutzers gefährdet sind. Der Begriff übermäßig zeigt dabei schon, wie fließend hier die Grenzen verlaufen, denn wann von übermäßig die Rede sein kann, liegt eindeutig im Ermessen des Betrachters. Aufgeteilt wird die Internetsucht in drei Bereiche: Computerspiele (zu denen auch Browsergames gehören), sexuelle Inhalte und Kommunikation (E-Mail, Chat, Facebook, Foren).

Etwas konkreter wird es dann schon, wenn man betrachtet, was Internetsucht auszulösen im Stande ist. Hier müssen neben Verhaltensstörungen, der Vernachlässigung verschiedener Gewohnheiten, mangelnder Hygiene auch Aspekte wie der Verlust zur Realität und soziale Isolation genannt werden. Die Entzugserscheinungen entsprechen dabei größtenteils denen der echten Drogen: schlechte Laune, nervöses Verhalten, erhöhte Reizbarkeit, Störungen in Verhalten und Schlaf sowie plötzliche Panikattacken und Schweißausbrüche. Auch Depressionen können in Kombination mit der Erkenntnis der Sinnlosigkeit des Lebens eine Folge der Sucht sein.

Wann ist man internetsüchtig?

Eine Frage, die alles andere als einfach zu beantworten und vermutlich Schlüsselpunkt für viele Streitpunkte, Unwissen in Bezug auf die Krankheit und fehlende Behandlungsmöglichkeiten ist. Mediziner diskutieren seit Jahren heftig über diese Frage vorausgesetzt sie erkennen die Internetsucht überhaupt als eine eigenständige Krankheit an. Das Problem bei der Beantwortung liegt eigentlich auf der Hand: Auf viele von uns werden kritische Verhaltensweisen möglicherweise zutreffen, gerade wenn es um die übermäßige Benutzung von Computer bzw. Internet in Kombination mit Computerspielen oder Kommunikation (in welcher Form auch immer) geht. Trotzdem sind die meisten von uns nicht süchtig. Denn abhängig von sozialem Umfeld, Selbstbewusstsein, Erziehung und Lebensstil kann eine Person, die 40 Stunden pro Woche vor dem PC verbringt, durchaus als nicht süchtig bezeichnet werden, während eine Person, die sich pro Woche nur 25 Stunden dem Internet widmet, durch und durch abhängig sein kann.

Ein entscheidender Faktor bei der Entscheidung, ob eine Abhängigkeit vorliegt oder nicht, ist die Zwanghaftigkeit. Denn viele Internetsüchtige verspüren immer wieder den Drang, eigentlich den Computer auszuschalten, um sich etwas anderem zu widmen, können diesem Drang aber nicht nachgeben. Aufpassen sollte man auch dann, wenn man immer wieder an verschiedene Onlinetätigkeiten denken muss, beispielsweise in der Schule bzw. bei der Arbeit, oder sogar regelmäßig davon träumt. Für eine erste Selbsteinschätzung (die letztendlich allerdings nicht wirklich aussagekräftig ist) kann beispielsweise ein Test des Projekts Web-Fehler helfen, das sich in erster Linie an die Eltern von Kindern und Jugendlichen richtet, auch ein Internetsucht Test des Diplom-Psychologen Dr. Rolf Merkle hilft bei einer ersten Einschätzung. Eine Diagnose für Internetsucht ist trotzdem äußerst heikel. Es kann nichts gemessen werden, es bestehen keine direkten körperlichen Veränderungen oder etwa doch?

Internet virtuelle Zigarette des 21. Jahrhunderts?

Internetsucht zeigt Veränderungen im Gehirn

Die Antwort lautet doch! Denn Anfang diesen Jahres fanden chinesische Forscher heraus, dass im Gehirn von Menschen, die ihren Online-Konsum nicht mehr kontrollieren können, ähnliche Veränderungen vorliegen wie im Gehirn von Drogenabhängigen. Durchgeführt wurden diese Forschungen mit 35 Jugendlichen zwischen 14 und 21 Jahren, 17 von ihnen waren als internetsüchtig eingestuft worden. Die Ergebnisse waren eindeutig: Die weiße Substanz in den Gehirnen der Abhängigen sprich der Teil, in dem die Nervenfasern verlaufen zeigte Spalten und Risse. Dadurch werden Verbindungen unterbrochen, die notwendig sind, um Emotionen empfinden oder Entscheidungen treffen zu können. Eine deutliche und schockierende Erkenntnis.

Trotz dieser wohl eindeutigen Ergebnisse ist die Onlinesucht nach wie vor unter den Medizinern umstritten. Denn letztendlich liegt keine Substanz vor, auf die man eine Sucht zurückführen könnte. Kein Nikotin, kein Kokain, nichts dergleichen. Auch gibt es wie oben bereits erwähnt keine eindeutigen Definitionen bzw. Kriterien. Den Stand der aktuellen Debatte fasste Ende letzten Jahres der Mediziner Ronald Pies folgendermaßen zusammen:

Einige Psychiater argumentieren, dass Internetsucht einige Kennzeichen aufweist, die substanzbezogene Süchte charakterisieren wie Entzugserscheinungen und Toleranzentwicklung doch es gibt wenige Daten, die solche Aussagen stützten. Es ist nicht klar, ob Onlinesucht Ausdruck einer Grunderkrankung oder eine eigenständige Erkrankung ist. (Quelle: Spiegel)

Nach Pies ist folglich nicht klar, ob Internetsucht eine Erkrankung oder die Folge einer  Erkrankung ist.

Offizielle Zahlen und Therapiemöglichkeiten

Während der Konsum von Alkohol und Zigaretten unter Jugendlichen stetig zurückgeht, sprechen die Zahlen der Internetsüchtigen eine andere Sprache. Nach einer Studie vom September 2011 (die Zahlen werden inzwischen weiter gestiegen sein) gelten rund 560.000 Deutsche als internetsüchtig. Die meisten sind dabei zwischen 14 und 24 Jahren alt, allerdings zeigen aktuelle Zahlen aus Hamburg auch eine Tendenz dahin gehend, dass auch immer mehr Menschen über 25 internetsüchtig sind und Hilfe suchen. Interessante Randnotiz: In der jüngsten Altersgruppe zwischen 14 und 16 Jahren sind deutlich mehr Mädchen (4,9 Prozent) als Jungen (3,1 Prozent) abhängig.

Die Therapiemöglichkeiten halten sich trotz dieser beeindruckenden Zahlen in Grenzen. Nur wenige medizinische Einrichtungen wie etwa die Ambulanz für Spielsucht am Klinikum der Johannes Gutenberg-Universität Mainz, das Hannoveraner Kinderkrankenhaus An der Bult oder die Therapeutische Einrichtung Eppenhain widmen sich der Behandlung der Internetsucht. Grund dafür ist, dass (wie schon gesagt) die Diagnose Computersucht bisher nicht offiziell als Krankheit anerkannt wurde und die Krankenkassen infolgedessen auch keine Behandlungskosten übernehmen. Da hilft zumeist nur Eigeninitiative: Zeitpläne für die Computernutzung erstellen, alternatives Freizeit- und Sozialverhalten aufbauen, Ängste und Probleme bewusst angehen und, und, und. All das wird aber ab einem gewissen Grad der Abhängigkeit nicht mehr helfen. In dieser Hinsicht muss sich in den nächsten Jahren in Deutschland etwas tun. Denn die Zahlen werden weiter steigen und das Internet wird immer aggressiver und in größerem Umfang Teil unseres Lebens werden.

Teil 2 folgt in Kürze

Eine Antwort auf die Frage, wie gefährlich das Internet nun wirklich ist, haben wir bewusst noch nicht gegeben. Denn dazu müssen noch ganz andere Aspekte betrachtet werden, verändert doch das Internet nicht nur das Leben der Abhängigen, sondern auch das Leben eines jeden Normalbürgers. Und damit sind wir mitten im zweiten Teil dieses Artikels, der pünktlich nächsten Sonntag an dieser Stelle erscheinen wird.

Quellen:

Bild oben (Artikelbild): striatic | Flickr

Bild Mitte: furuikeya | Flickr

Bild unten: moriza | Flickr

1 Comment

  1. Ramon Seiffert sagt:

    Schade bin zu spät auf diese Seite gekommen, hoffentlich folgt der 2.Teil. Das Internet süchtig macht, wie Alkohol oder Rauchen, auch therapiert werden kann, wusste ich ja schon, ok, Schau wieder mal vorbei!

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